Von Gerhard Grünewald
Gegenstände der Politik bleiben gänzlich ausgeschlossen. Der Druck und die Herausgabe können nicht eher geschehen, als bis das Konzept (behördlich) geprüft und gebilligt worden ist. Zwischen diesen Sätzen und dem heutigen Anspruch ambitionierter Verleger und Journalisten, alle Formen gesellschaftlichen Lebens distanziert zu beschreiben und kritisch zu bewerten, liegen Welten.
Der Brückenschlag zwischen ihnen geht zumindest im Odenwaldkreis maßgeblich auf jenes Medium zurück, aus dessen ursprünglichen Lizenzierungsbedingungen das Eingangszitat stammt: die Odenwälder Heimatzeitung. Dieses Blatt von seinen Anfängen als Obrigkeitsorgan zu einer Tageszeitung nach modernem Verständnis zu wandeln, als die es nun unter dem Titel Odenwälder Echo weiter entwickelt wird, erforderte allerdings auch die Anstrengung von Generationen (Zeitungsgeschichte).
Die meisten davon gehörten der Gründerfamilie Stockh/Franz an, deren Sprosse Verlag und Redaktion rund 120 Jahre lang in Personalunion führten. Bei allem Respekt vor deren Leistung ist die eigentliche Emanzipation der Zeitung von den politisch wie gesellschaftlich einflussreichen Kreisen ihres Einzugsgebiets allerdings eher auf die Zeit nach dem Ende dieser traditionellen Konstellation zu datieren. Mit die bedeutendsten Veränderungen für die publizistische Ausrichtung der Odenwälder Heimatzeitung vollzogen sich insofern in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren. Sie ergaben sich aus dem plötzlichen Tod des damaligen Verlegers und Alleinredakteurs Fritz Franz im Jahr 1965 und dem Fehlen eines Nachfolgers in der Familie ebenso wie aus einer sich verändernden Medienlandschaft.
Wahrscheinlich hätte schon allein der Herausgeberwechsel zu den ortsfremden Gebrüdern Fortisch genügt, um bei der Redaktion der Odenwälder Heimatzeitung erstmals nicht mehr den Verleger selbst, sondern gelernte Journalisten tätig werden zu lassen. Unabdingbar aber machten das die Entwicklung des Fernsehens zum Allgemeingut und die Geschäftspolitik des damaligen Mitbewerbers Darmstädter Echo. Beides hob die Ansprüche an die Aktualität der gesellschaftlichen Unterrichtung so deutlich an, dass sich die Erbacher Zeitungsleute kaum noch erlauben konnte, ihr Blatt wie seither nur dreimal wöchentlich erscheinen zu lassen.
Die daraufhin vollzogene Umstrukturierung zur echten Tageszeitung verlief zwar insofern nicht unproblematisch, als sie den seitherigen Status der Selbstständigkeit überforderte und zur Anlehnung an das Darmstädter Tagblatt führte, verstärkte aber den Bedarf nach Herstellung der Zeitung mit angestellten Journalisten. Und weil die sich im Gegensatz zu ihren Vorgängern weder vornehmlich als Geschäftsleute sehen noch als Teil der Verantwortung tragenden Gesellschafts- und Politikschichten empfinden mussten, ergab sich daraus die Anlage zu einer unabhängigen und distanzierten Berichterstattung.
Die Versorgung der Bevölkerung mit einer kritischen und kontrollierenden Lokalzeitung bedurfte trotzdem noch eines langwierigen Durchsetzungsprozesses und sie will weiter tagtäglich verteidigt werden: Denn auch Anfang des dritten Jahrtausend erreicht die Redaktionen, in denen das Credo der späten Odenwälder Heimatzeitung fortlebt, immer wieder einmal Beschwerdepost, mit denen Behörden, Parteien oder Verbände versuchen, Einfluss auf die Berichterstattung auszuüben. Meist machen die Amtsinhaber, Geschäftsführer und Vorsitzende ihre Eingaben dabei an vermeintlichen Übervorteilungen in der Kommentierung oder in der Berichterstattung fest. Dabei ist es doch eben erst die klare eigene Position, auch einmal zum Nachteil der einen oder anderen Seite, die eine freie Presse ausmacht.
Dies gilt vornehmlich für den Kommentar, insofern aber ebenso gut für die Berichterstattung, als diese sich nicht hauptsächlich am Proporz orientieren kann. Statt dessen müssen Aktualität oder Bedeutung eines Themas, lokaler Bezug oder praktischer Gebrauchswert die entscheidenden Kriterien für das Ob und Wie der Veröffentlichung sein. Um anhand dieser Linie von einem Sprachrohr der Interessengruppen zu einem Druckerzeugnis im Dienste der Leser zu werden, brauchte die Odenwälder Heimatzeitung vor allem zweierlei: Journalisten mit dem Mut, Handwerkszeug und Ethos ihres Berufs in die Praxis umzusetzen, und einen Verlag, der ihnen das auch ermöglichte (Zeitungsarbeit).
Bereits unter dem Dach des Darmstädter Tagblatts angelegt, konnten sich diese Voraussetzungen mit einem weiteren Besitzerwechsel endgültig entfalten. Denn das Darmstädter Echo gewährleistet seinen Redaktionen für den Konfliktfall nicht nur jenen Rückhalt, mit dem sich eine kritische Berichterstattung wagen lässt, sondern versorgt sie auch mit der notwendigen Personaldecke. Schließlich nutzen die besten publizistischen Vorsätze nichts, wenn den Redakteuren zur einmischenden Recherche, zum Kommentar oder zur Reportage keine Luft bleibt, wovon in Deutschland noch viele Lokalzeitungen zeugen.
Andererseits bleibt das Bemühen um journalistischen Erfolg nicht ohne Ertrag, wie wenigstens die jüngere Geschichte der Heimatzeitung beweist. Immerhin hat sie in den Jahren bis zur Neuauflage als Odenwälder Echo ihrer Leserschaft deutlich gesteigert. Das jedenfalls besagt die Steigerung der verkauften Auflage von rund 10 000 Exemplaren vor 15 Jahren auf knapp 15 000 im Jahr 2001.
Zum 2. Februar 2002 wandelte sich der Zeitungstitel - die Zeitung erscheint seitdem als "Odenwälder Echo". Doch der gewohnte Schriftzug "HeimatZeitung" blieb im Zeitungskopf auf der Titelseite - wenn auch verkleinert - erhalten.
Im Internet ist das Odenwälder Echo unter www.echo-online.de vertreten.
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